Krankenpfleger – die Millionäre der Zukunft?

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Das durchschnittliche Bruttoeinkommen in Deutschland lag im Jahr 2015 bei 3.621 €. Voll ausgebildete Krankenschwestern und -pfleger verdienten – vielmehr: bekamen – je nach Berufserfahrung zwischen 2.105 € und 2.894 €. Tatsächlich verdienen würden sie wahrscheinlich um einiges mehr. Denn wie die demographische Entwicklung in unserem Land verläuft, ist wohl allseits bekannt: Wir leben in einer alternden Gesellschaft. Pflegepersonal dürfte also in Zukunft noch wichtiger für uns alle werden, um nicht zu sagen existenziell. Doch die Krux ist: körperlich und unter Umständen auch seelisch belastende Arbeit mit schlechter Bezahlung ist wohl nur minder attraktiv für Nachwuchskräfte.

Krankenpfleger mit Rekordgehältern?

Wie geht es also weiter? Fakt ist, dass besonders im Gesundheits- und Sozialbereich Arbeitskräfte fehlen werden – in allen Fachrichtungen und Qualifikationsstufen. Die demographische Entwicklung dürfte hier doppelt zuschlagen: Älteres Pflegepersonal scheidet aus, während wenige junge Kräfte nachwachsen. Außerdem wird es immer mehr ältere Menschen geben, die potenziell pflegebedürftig sind. 2040 wird folglich für 25 Prozent der Stellen im Krankenpflegebereich Personal fehlen. Ähnlich wird die Lage in den medizinischen Diensten aussehen, in denen knapp 22 Prozent der Stellen offen bleiben. Auch Arbeitsplätze für Hochschulabsolventen im Medizinbereich können im Laufe der nächsten Jahre immer öfter nicht besetzt werden.

Dem ein oder anderen mag sich jetzt ein Horrorszenarium von vollen Krankenhausfluren, überlasteten Ärzten und Pflegepersonal sowie schlechter Krankenversorgung aufdrängen. In einem anderen Szenario fühlen sich Hilfebedürftige gut betreut und versorgt, das Personal ausgeglichen und geschätzt. Wie es dazu kommen könnte? Angebot und Nachfrage regeln den Preis – zumindest in der freien Marktwirtschaft. Übertragen würde das heißen: Personal wird knapp weshalb die Gehälter steigen, um qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen. Lesen wir damit in Zukunft von Rekordverdiensten von Pfleger und Schwestern, statt uns über die Millionensummen der DAX-Vorstände zu wundern? Diese Zukunftsvision mag unglaubwürdig erscheinen. Attraktiver als die Alternative ist sie aber allemal.

Personalnotstand nicht nur im Gesundheitsbereich

Doch auch in anderen Fachrichtungen werden händeringend Mitarbeiter gesucht (Abbildung 1 und 2). In den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) werden sowohl Hochschulabsolventen als auch Menschen mit Berufsabschluss fehlen. So werden Mechatroniker, Produktionstechniker oder Elektriker gute Chancen haben. Auch die Schönheit könnte in Zukunft zu kurz kommen. Denn im Friseur- und Schönheitspflegebereich werden 18,7% der Stellen offen sein. Allerdings dürfte der Lücke in absoluten Zahlen wesentlich niedriger und für die Wirtschaft von geringerer Bedeutung sein als der Personalmangel im medizinischen Bereich.

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In einigen Fachrichtungen wird sich die Lage also stärker zuspitzen als in anderen. Weniger kritisch wird die Situation wohl beispielsweise in Bezug auf Sekretariats- und Büroarbeiten (-4,5%) oder im Bereich der Sicherung und Überwachung (+3,5 mit Hochschulabschluss, +9,9 mit Berufsabschluss) sein.

Der Traum: Millionär statt Mindestlohn

Insgesamt werden 2040 in Deutschland nach Prognosen der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft und der Prognos AG 3,9 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Während also Arbeitgeber händeringend nach Mitarbeitern zu suchen scheinen, klingt diese Situation erst einmal nach einem Schlaraffenland für alle Arbeitswilligen: Den Traumberuf ausüben und dem Arbeitgeber das Gehalt diktieren – Millionär statt Mindestlöhner. Ganz so rosig sind die Aussichten aber doch nicht.

Die Präferenzen hinsichtlich der gewünschten Ausbildung, Arbeitsumfang oder Erwerbsbeteiligung werden sich nicht entscheidend verändern. Heißt: Vermeintlich unbeliebte Berufe werden in Zukunft nicht beliebter werden. Die Wirtschaftsstruktur wird sich dagegen sehr wohl verändern. Gründe hierfür sind die Globalisierung, Tertiärisierung – der Ausbau des Dienstleistungsbereiches – und eine Zunahme wissensbasierter Tätigkeiten. Die Folge ist, dass vielen Arbeitssuchenden womöglich kein geeigneter Job angeboten werden kann, während dennoch Arbeitsplätze unbesetzt bleiben. Ein qualifikatorisches Mismatch – ein Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt – ist also nahezu vorprogrammiert, sollten Unternehmen und Politik dem nicht durch geeignete Maßnahmen entgegenwirken können. Zu denken wäre hier an die Förderung der Ausbildung und des Ansehens bestimmter Fachrichtungen, angemessene Gehälter oder ein flexibler Arbeitsmarkt. Auch der Ausbau von Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung seitens der Unternehmen versprechen eine positive Wirkung auf die Situation.

Berufliche Abschlüsse sind besonders gefragt

Doch das ist noch kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Um erfolgreich zu sein, ist neben der Wahl der richtigen Fachrichtung nach wie vor eine gute Ausbildung entscheidend. Dabei sind weder Uniabschluss noch Promotion unbedingt von Nöten. Vor allem Personen mit beruflichen Abschlüssen sind gefragt (Abbildung 3). Hier werden im Jahr 2040 2,7 Millionen Mitarbeiter gesucht werden. Es wird wahrscheinlich nicht mehr unbedingt notwendig sein, ein Studium erfolgreich abzuschließen. Denn die hohe Akademikerquote sorgt dafür, dass immer mehr Stellen, für die ein Berufsabschluss Voraussetzung ist, offen bleiben.

Studenten müssen sich trotzdem nicht noch schnell eine Ausbildungsstelle suchen. Auch 1,2 Millionen Stellen für Akademiker werden nicht besetzt werden können. Von der oft verschrienen Akademisierung, die eine Schwemme an Hochschulabsolventen verursacht und diesen die Karrierechancen verhagelt, kann also – traut man der Studie – nicht die Rede sein. Das gilt allerdings nur, wenn man sich für eine der Fachrichtungen entscheidet, in denen bei Unternehmen Bedarf besteht.

Wer ein Studium abschließen möchte, sollte sich auf Forschungs-, oder Management- und Leitungstätigkeiten spezialisieren. Auch mit Berufsabschluss stehen die Chancen in diesen Tätigkeitsbereichen gut. Wer noch weniger Konkurrenz haben will, kann einen Blick auf den Gesundheits- und Sozialbereich werfen. Technische Entwickler, Architekten, Mathematiker, Geologen oder Informatiker haben ebenfalls gute Chancen einen Job zu finden (Abbildung 3 und 4). Hier sind die Gehälter auch jetzt schon besser als beispielsweise im Gesundheits- und Sozialbereich, in dem Mitarbeiter im Schnitt 3.530 € brutto verdienen. Ein Architekt kann mit durchschnittlich 4.160 € rechnen, während Informatiker 4.970 € erhalten.

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Wirklich schlecht sieht die Berufslandschaft im Jahr 2040 besonders für diejenigen aus, die keine Ausbildung vorweisen können. An ungelerntem Personal wird es ein Überangebot von knapp 11 Prozent geben (Abbildung 4).

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Für diesen Artikel wurden folgende Quellen genutzt:

dbb beamtenbund und tarifunion (2015). Entgelttabellen. Abgerufen am 14.04.2016 unter http://www.dbb.de/mitgliedschaft-service/entgelttabellen.html
Ehrentraut, O. (vbw Die bayerische Wirtschaft, Hrsg.). (2015). Arbeitslandschaft 2040.
Mitteldeutscher Rundfunk (13.04.2016). Exakt – die Story. Abgerufen am 14.04.2016 unter http://www.ardmediathek.de/tv/Exakt-die-Story/Exakt-die-Story/MDR-Fernsehen/Video?bcastId=7545348&documentId=34668352
Score Personal e.K. (2015). Krankenschwester Gehalt – was verdient eine Krankenschwester wirklich? Abgerufen am 14.04.2016 unter http://www.score-personal.de/krankenschwester-gehalt/
Statistisches Bundesamt (2016a). Verdienste und Arbeitskosten. Arbeitnehmerverdienste. Aufgerufen am 24. März 2016 unter https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/VerdiensteArbeitskosten/Arbeitnehmerverdienste/ArbeitnehmerverdiensteJ2160230157004.pdf?__blob=publicationFile
Statistisches Bundesamt (2016b). Durchschnittliche Bruttomonatsverdienste. Aufgerufen am 30. März 2016 unter https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/VerdiensteArbeitskosten/VerdiensteVerdienstunterschiede/Tabellen/Bruttomonatsverdienste.html